Erinnerung an Joe co*cker: Der Sänger, den nicht nur die Deutschen liebten ... jetzt weiterlesen auf Rolling Stone (2024)

Mit Engelsgeduld ertrug Joe co*cker die Fragen nach John Belushis berühmter Parodie seines Gesangsstils und seiner Gestik, die zum Inventar der Rockmusik gehört. Ein Geringerer hätte auf seine Meriten verwiesen – co*cker war froh, dass er die bacchantischen 70er-Jahre, seine Alkohol- und Drogensucht überstanden hatte. Er brauchte seine Bierchen nach Konzerten – und verzichtete schließlich auch auf die. Seine Frau Pam Baker hatte den Ekstatiker nach 1987 an ein gemäßigteres Leben gewöhnt: co*cker erzählte gern von der Ranch in Colorado, die er nach seinem legendären Album „Mad Dog“ genannt hatte, und von dem Café und der Eisdiele, die Pam betrieb.

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Ein verrückter Hund war der am 20. Mai 1944 in Sheffield, South Yorkshire geborene John Robert co*cker. Schon als Jugendlicher sang er in britischen Bands den Rhythm & Blues, ein Naturtalent, dessen Motorik durch Kinderlähmung gehemmt war, was die einzigartigen Zuckungen und Greifbewegungen induzierte. Vance Arnold & The Avengers und Big Blues waren Bands, die ihn durch die 60er-Jahre brachten – seiner Arbeit als Gasanlageninstallateur ging er sehr ungern (und dann gar nicht mehr) nach. Im Jahr 1968 änderte „With A Little Help From My Friends“, der Beatles-Song von „Sgt. Pepper“, sein Leben. Das gemütliche, ursprünglich von Ringo gesungene Stück wurde in co*ckers entfesselter, gurgelnder Interpretation zu einer Bestie und in seiner Bedeutung verkehrt: Hier kam jemand offenkundig nicht zurecht mit ein bisschen Hilfe seiner Freunde. Im Sommer 1969 wurde Joe co*cker mit seinem ungebärdigen Vortrag beim Woodstock-Festival weltberühmt – sein Auftritt definierte neben dem ähnlich entrückten Konzert von Jimi Hendrix die drei Tage „Peace & Music“.

„You Are So Beautiful“

co*cker sang dort auch andere Songs, die gewissermaßen Programm waren: „Feelin‘ Alright“ und „Let‘s Go Get Stoned“. Diesem Motto folgten die Hippies, und co*cker folgte ihm sowieso. 1970 absolvierte er mit Leon Russell, Chorsängerinnen und einer Big Band die chaotische „Mad Dogs & Englishmen“-Tournee durch die USA und arbeitete dann daran, mit erratischem Verhalten, Prügeleien und Drogenexzessen seine Karriere zu ruinieren. Mit der schlichten Ballade „You Are So Beautiful“ gelang ihm 1974 noch ein großer Wurf, doch die wenigen Platten der 70er-Jahre waren wenig erfolgreich, und am Ende des Jahrzehnts galt Joe co*cker als hoffnungsloser Fall.

Auch „Sheffield Steel“ war kein Hit-Album, doch auf wundersame Weise revitalisierte es 1982 den Sänger. Ein Jahr später sang er mit Jennifer Warnes „Up Where We Belong“ für den Film „Ein Offizier und Gentleman“ – das Stück wurde ein Klassiker. Von nun an nahm co*cker regelmäßig Platten auf, die allesamt erfolgreich waren – angefangen bei „Civilized Man“ im Jahr 1984. co*ckers Version von Randy Newmans „You Can Leave Your Hat On“ ertönte 1986 in „9 1/2 Wochen“ – der Regisseur Adrian Lyne befeuerte damit die Striptease-Szene von Kim Basinger, was zwar der Intention des Liedes widersprach, aber sehr wirkungsvoll war. „Unchain My Heart“ gelangte 1987 beinahe an die Spitze der deutschen Charts, der gleichnamige Song wurde zu co*ckers dritter großer Hymne.

1996 trat co*cker mit der Kelly Family auf

Überhaupt adoptierten die Deutschen den anrührenden Sänger: Für den Schimanski-Film „Zabou“ sang er mit Klaus Lage „Now That You‘re Gone“, und 1988 trat er in Berlin und Dresden auf – unvergessliche Konzerte, die in Dresden den Namen „co*ckerwiese“ für den Auftrittsort inspirierten. Nicht mäklerisch, trat co*cker 1996 mit der Kelly Family auf; für den Werbespot für ein ein rustikales Bier nahm er das ehedem von Hans Hartz geröhrte „Sail Away“ auf. Randy Newmans damit nicht zu verwechselndes „Sail Away“ sang er wiederum auf dem Album „Organic“; Newman begleitete ihn am Piano. Nach Jahren der routinemäßigen Platten, bei denen er zu fertigen Backing Tracks gesungen hatte, engagierte er sich bei der Studioproduktion von „Hymn For My Soul“ (2007), indem er wieder unmittelbar mit den Musikern sang. Auch „Hard Knocks“ (2010) und „Fire It Up“ (2012) erreichten hohe Chart-Platzierungen in Deutschland, England und in den USA: Wer früher Schallplatten gekauft hatte, der kaufte noch CDs von Joe co*cker; sein Publikum blieb ihm treu.

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Der ehemalige Hallodri gehörte zu den wenigen Rock-Stars, die tatsächlich bescheiden und bodenständig waren – Attribute, die so unglamourös sind, dass Künstler sie lieber vermeiden wollen. Joe co*cker war es unangenehm, vor Pressekonferenzen zu treten; sein Auftreten war schüchtern und linkisch, er wollte kein Aufhebens machen: Fast erwartete man in den späteren Jahren, dass er die Getränke selbst von der Bar holte. Die Frage, wonach er am Mikrofon mit rudernden Armen und vorgestreckten Händen griff, konnte er nicht beantworten. Es muss, wie Paul McCartney vermutet, etwas Ungreifbares gewesen sein: Soul.

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