Joe co*cker ist tot: Der Schmerzpatient der Hippie-Generation (2024)

Nachruf. Ein Woodstock-Held, der zum Hitfabrikanten wurde – und dabei den Blues behielt: Joe co*cker ist 70-jährig in Colorado an Krebs gestorben. Mit ihm verliert die Rockwelt eine gewaltige Stimme, gegen die jede Ironie machtlos war.

Nein, cool war er nicht, der junge Mann mit den fetten Haaren und dem verschwitzten Hemd, der da vor einer ungewohnt großen Menge sang, bei dem Festival, das als „Woodstock-Festival“ zur Legende werden soll. Cool war er nicht, sondern höchst aufgeregt, er fuchtelte wild mit den Armen, ein Luftgitarrist auf Abwegen, und sang, als ob ihm das Herz zerreißen würde: „With A Little Help From My Friends“, dieses harmlose, für die schwache Stimme von Ringo Starr geschriebene Liedchen. Als Joe co*cker es sang, war es gar nicht mehr harmlos, sondern ein schmerzvoller Ruf: „I just need someone to love“, schrie co*cker aus rauem Hals, und man glaubte es ihm.

Damit ist er in die Rockgeschichte eingegangen, der gelernte Installateur aus Sheffield, und er ist dort, anders als manche andere Woodstock-Akteure, dauerhaft geblieben. Gerade weil er nicht cool war und das auch nicht sein wollte – ähnlich übrigens wie Janis Joplin, die er um 44 Jahre überlebte. Nun ist er 70-jährig an Lungenkrebs gestorben, in seiner amerikanischen Wahlheimat in den Bergen von Colorado: „In der Gegend leben viele Hippies im Ruhestand“, hatte er der „Presse“ einmal erzählt, „das soll aber keine falschen Assoziationen fördern: In Colorado wird man alleine von der frischen Luft high!“

Siebzigerjahre voll Alkohol und Drogen

Das hätte man vom Joe co*cker der Siebzigerjahre nicht behaupten können: Da wurde er, just in der Zeit, als die Hippie-Generation nach etlichen prominenten Todesfällen verstanden hatte, dass Drogen durchaus nicht immer harmlos sind, zum Paradepatienten: vom Dauerrausch in den Entzug und wieder zurück; dass er den Alkohol auch zu schätzen wusste, verschlimmerte seine Lage.

Sein Drama war, dass diese induzierten Schmerzen die Intensität seines Gesangs nicht schmälerten, ja: ihn auf perfide Weise noch glaubhafter machte, als er ohnehin war. Anstrengende Tourneen mit seiner Band Mad Dogs And Englishmen taten das Ihre, um ihn zu entkräften und immer wieder aus dem Gefecht zu ziehen. In Wien wurde er 1984 verhaftet, weil er ein Konzert in letzter Minute absagte – von einem burgenländischen Polizisten, der später erzählte: „Ich wäre lieber mit ihm an der Bar stehengeblieben und hätte ein Bier oder sonstwas mit ihm getrunken, aber meine Dienstpflicht hat mir anderes abverlangt. Er ist, was jeder Burgenländer verstehen wird, einfach ein klasser Bursch.“ Das verstand nicht nur jeder Burgenländer – obwohl Joe co*cker in Österreich stets besonders beliebt war –, das verstanden weltweit viele.

Und so hielt sich co*cker in den Herzen der Massen, während die Popintellektuellen ihn inbrünstig verachteten, weil ihnen genau diese direkte Emotionalität suspekt war. Und, nicht ganz unverständlicherweise, weil Joe co*cker sich vor allem in den Achtzigerjahren gern Arrangements schneidern ließ, die so glatt waren wie die Lederjacke, die er auf dem Cover von „Unchain My Heart“ (1987) trug.

Womit schon einer der beiden Songs genannt wären, die bis heute in Tagesbegleitradios und Landdisco-Oldiesabenden auf dem Pflichtprogramm stehen. Der andere ist „You Can Leave Your Hat On“, ein Song von Randy Newman, der in co*ckers Version alle feine Ironie verloren hatte und dafür allen Schmerz verströmte, dessen ein Mann fähig ist, der weiß, dass seine Begierde nicht auf Gegenliebe stößt. Der Song tat einiges dazu, um dem Achtzigerjahre-Aschenbrödel-Film „91/2 Wochen“ die Anmutung einer Tiefe zu verleihen, die er nicht hat. Das konnte er. Er sei einfach „ein weißer Bluessänger, der sich ab und zu in der Pop hinüberwagt“, erklärte er der „Presse“ einmal fast entschuldigend.

Bekenntnis zum rauen Leben

Inzwischen sah Joe co*cker mit gelichtetem Haar und tragischen Stirnfalten so leidend aus, wie er oft gewesen war. Dabei hatte er – zumindest laut eigener Aussage – spätestens 1989 mit Alkohol und Drogen aufgehört, war mit seiner Frau ins herb-idyllische Colorado gezogen, wo er eine „Mad Dog Ranch“ betrieb und seine Frau einen Eissalon. Das hielt ihn nicht davon ab, weiter zu touren und Alben aufzunehmen, überzeugende wie „Hymn For My Soul“ (wo er sich etwa mit Dylans „Ring Them Bells“ als Interpret bewies, der jeden Song dramatisch überhöhen kann, ob er will oder nicht) und nicht so überzeugende wie „Hard Knocks“ (2010), auf dem sich immerhin das schöne Bekenntnis zur Universität des (rauen) Lebens fand: „I graduated from hard knocks, I got the bumps and the bruises to prove it, hard knocks summa cum laude.“

Man kann es nur noch einmal sagen: Diese Prüfungen, diese Beulen und Narben hatte man ihm schon angehört, als er mit 25 in Woodstock stand; man hörte sie ihm an, als er alt und gesetzt war. Nun ist Joe co*cker tot, seine Schmerzen sind vorbei, der Schmerz in seiner Stimme wird uns bleiben.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 23. Dezember 2014)

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